Heinrich Böll – Doktor Murkes gesammeltes Schweigen

Kategorie: Buchrezensionen

Die schöne junge Frau ist erzürnt: So etwas hat noch kein Mann von ihr verlangt. Sie soll 5 Minuten schweigend vor einem Aufnahmegerät sitzen. Das Tonband muss nach allen Regeln der Kunst beschwiegen werden. Doktor Murke heißt der Mann, der die Ruhe einfordert. Er sammelt nämlich Schweigen. Dem Sonderling haftet zudem der Ruf eines aalglatten Karrieristen an. Deshalb hat sein Chef ihn auch für eine besonders unangenehme Aufgabe ausgesucht. Er soll die Aufnahmen des großen Bur-Marlottke bearbeiten. Dieser berühmte Mann hat ihn seinen Vorträgen oft das Wort Gott benutzt, dieser Begriff soll jetzt durch „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ ersetzt werden. Dabei müssen die verschiedenen grammatikalischen Fälle beachtet werden. Bur-Marlottke spricht nun also die unterschiedlichen Varianten ein, die später ersetzt werden sollen. Allerdings sind die Ersatztexte etwas länger als die Originaltexte, sodass die Vorträge etwas mehr Zeit beanspruchen und nicht mehr in die vorgegebene Radiozeit passen. Doch welches Ressort möchte schon eine Minute wertvolle Sendezeit abgeben?  Politik? Sport? Oder gar Kultur? Schließlich bleibt Murke nichts anderes übrig, als seinen Chef zu fragen, ob er denn mal eine Minute für ihn hat.

Böll wird oft als biederer Moralapostel gesehen. Mit dieser Satire zeigt er etwas, dass ihm nur die wenigsten zugetraut hätten: Humor. Die erfrischende Sprache und die witzigen Randbemerkungen machen dieses schmale Büchlein zu einer Leseempfehlung.

 

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