Franz Kafka – Ein Hungerk√ľnstler

Kategorie: Buchrezensionen

Dieses schmale Buch enthält 4 Erzählungen aus Kafkas Spätwerk.

In ‚ÄěErstes Leid‚Äú verbringt ein Trapezk√ľnstler Tag und Nacht auf dem Trapez und steigt niemals zu den √ľbrigen Menschen herab. Stets muss ein Gehilfe unter dem Trapez stehen, um etwaige W√ľnsche des K√ľnstlers erf√ľllen zu k√∂nnen. So vergehen die Tage und Jahre. Doch pl√∂tzlich w√ľnscht er sich, sich in Zukunft auf zwei Trapezen aufhalten zu k√∂nnen. Dieser Wunsch wird ihm erf√ľllt, doch trotzdem f√§ngt er bitterlich zu weinen an.
‚ÄěEine kleine Frau‚Äú leidet k√∂rperlich und seelisch an den Macken und der ganzen Pers√∂nlichkeit des Ich-Erz√§hlers. Immer hat sie etwas an ihm auszusetzen und ihr ganzes Verhalten ist eine stumme Anklage gegen die blo√üe Existenz des Erz√§hlers. Niemals kann er es ihr rechtmachen und sie l√§sst sich √ľberhaupt nicht beruhigen. Fortw√§hrend n√∂rgelt sie am Ich-Erz√§hler rum und straft ihn mit b√∂sen Blicken. Doch was soll er tun? Er kann das Verhalten der Frau nur ertragen und auf Besserung hoffen.

‚ÄěDer Hungerk√ľnstler‚Äú sitzt in seinem K√§fig und wird von den Zuschauern bestaunt, die seine Kunst und seinen ausgemergelten K√∂rper betrachten. Er nimmt keine Nahrung zu sich und nippt nur ab und zu am bereitgestellten Wasser. Irgendwann ist man seiner Kunst √ľberdr√ľssig und die Zuschauer bleiben aus. Er heuert bei einem gro√üen Zirkus an, wo er einen K√§fig in der N√§he der Raubtierk√§fige bekommt. Er ist keine gro√üe Attraktion mehr, sondern nur noch eine Nebenperson. Anfangs werden noch die t√§glichen Besucher gez√§hlt und genauestens dokumentiert. Doch mit der Zeit l√§sst auch das nach. Er ger√§t zusehends in Vergessenheit, kraftlos und ausgehungert vegetiert er in seinem K√§fig. Doch dann entdeckt ihn ein Mitarbeiter und stellt die alles entscheidende Frage: ‚ÄěWarum hungerst Du eigentlich?‚Äú

‚ÄěJosefine, die S√§ngerin‚Äú pfeift eint√∂nig vor sich hin. Dieses Pfeifen wird von vielen Menschen f√ľr Gesang gehalten, sodass sie immer mehr Anh√§nger bekommt. Die Eint√∂nigkeit ihrer Kunst wirkt auf viele Zuschauer anziehend. Das Publikum und die S√§ngerin leben in Koexistenz und passen gegenseitig auf sich auf. Die S√§ngerin ist mittlerweile der Meinung, s√§mtliche Probleme und Krisen einfach wegsingen zu k√∂nnen. Sie fordert von der Gesellschaft freie Kost und Logis, um weiterhin auf die B√ľhne zu gehen, doch dieser Wunsch wird ihr nicht erf√ľllt. Sie wird immer schwieriger und kr√§nklicher und muss vom Publikum regelrecht auf die B√ľhne gebettelt werden. Doch ihr Pfeifen verstummt vorerst nicht. Nach einiger Zeit bleibt die B√ľhne dann doch leer und es herrscht nur noch Stille.

Warum sind Menschen k√ľnstlerisch t√§tig und welche Art von Kunst hat beim Publikum erfolgt? Diesen Fragen m√∂chte Kafka in den vorliegenden 4 Erz√§hlungen auf den Grund gehen. F√ľr den Hungerk√ľnstler ist es normal zu hungern. Trotzdem wird er vom Publikum daf√ľr anfangs bewundert, diese Zuneigung ist jedoch verg√§nglich und im wahrsten Sinne des Wortes brotlos. Der Hungerk√ľnstler ist eine der wenigen Erz√§hlungen, die laut Kafka ver√∂ffentlicht werden sollten. Es liest sich wie eine Bilanz seines schriftstellerischen Schaffens. Weitgehend unbeachtet schrieb Kafka seine Werke. Die Leidenschaft zum Schreiben war Selbstzweck, wie beim Hungerk√ľnstler, der selbst dann weiterhungert, als niemand mehr seine T√§tigkeit bewundert. Auch Kafka schrieb tapfer weiter, obwohl er zu Lebzeiten keinen Erfolg hatte.