Die Maschine steht still – Rezension

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In dieser dystopischen Science-Fiction-Erzählung von 1909, leben alle Menschen in kleinen sechseckigen Zimmern mit einem Sessel, einem Lesepult und ohne Fenster und Lampe. Die Zimmer befinden sich alle unter der Erdoberfläche und die Sauerstoffversorgung erfolgt durch ein kompliziertes Belüftungssystem. Auf der Erde selbst gibt es keine Menschen mehr und der Aufenthalt über der Erdoberfläche ist den Menschen untersagt. Die Menschen brauchen ihre bienenwabenförmigen Zimmer nicht mehr zu verlassen und werden auf Knopfdruck mit Kleidung, Literatur und Nahrung versorgt. Die MASCHINE sorgt für alles und im BUCH, der Anleitung für die MASCHINE steht
die Lösung für alle Probleme.

Die Kommunikation findet über Kommunikationsröhren statt und der Raum ist ständig vom Summen dieser Röhren erfüllt. Die Menschen sehen sich in der Regel nur noch auf Bildschirmen und persönliche Begegnungen sind die Ausnahme. Es werden ständig Vorträge zu bestimmten Wissensgebieten übertragen, an denen sich die Menschen entweder als Zuhörer oder als Referenten beteiligen sollen. Über Knöpfe und Röhren wird sehr viel kommuniziert, wobei es sich hauptsächlich um unpersönliche Dinge und weniger um Gedanken oder Gefühle dreht. Um abzuschalten müssen die Menschen einen Isolationsknopf drücken und werden dann von der allgegenwärtigen Kommunikationsflut, die aus allen möglichen Kanälen auf sie einprasselt, verschont.

Das BUCH, die religiös verehrte Bedienungsanleitung für die MASCHINE, wird vom ZENTRALGREMIUM herausgegeben und bestimmt den Tagesablauf der Menschen. Egal, ob sie sich körperlich unwohl fühlen, etwas essen wollen oder die Temperatur in ihrem Zimmer verändern wollen, im BUCH ist der entsprechende Knopf notiert, der auf der MASCHINE gedrückt werden muss, um das Problem zu lösen.

Vashti hat in ihrem kleinen Zimmer schon lange keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn Kuno gehabt, der sich eines Tages plötzlich meldet. Er erscheint auf dem Bildschirm und hat einen sehr ungewöhnlichen Wunsch: Seine Mutter soll ihn besuchen. Persönliche Besuche sind zwar kompliziert, aber dennoch möglich. Per Luftschiff fliegen die Menschen über der Erdoberfläche zu ihrem Ziel. Um dort angelangt und ohne mit dem Sauerstoff der Erde in Kontakt gekommen zu sein, wieder in das unterirdische Gängesystem einzusteigen. Vashti gelangt so schließlich zu ihrem Sohn Kuno. Der ihr ungeheuerliches offenbart. Er hat sich MASCHINENFEINDLICH verhalten und war an der Erdoberfläche und hat diesen Ausflug entgegen der Angaben der MASCHINE auch noch überlebt. Vashti ist entsetzt, weil ihrem eigenen Sohn die HEIMATLOSIGKEIT und somit der Verstoß aus dem System der MASCHINE droht. Vashti reist ab und ihr Sohn wird mit HEIMATLOSIGKEIT bestraft.

In den folgenden Monaten häufen sich die Zwischenfälle, es wird falsche Nahrung von der MASCHINE geliefert, im Zimmer breitet sich ein unangenehmer Geruch aus und die Übetragungen der Vorträge sind von leisen menschlichen Klagelauten überlagert. Plötzlich dringt Kunos Stimme in Vashtis Ohr und er verkündet: Die Maschine steht still.

Über das Internet können mittlerweile fast alle Produkte per Knopfdruck bestellt werden und die Abhängigkeit der Menschen von der digitalen Technik ist größer denn je. Es ist erstaunlich, dass diese Gefahr bereits 1909 gesehen und in dieser Dystopie formuliert wurde. E.M. Forsters Erzählung kann als Mahnung an die Menschen interpretiert werden, sich nicht der Technik auszuliefern und das Denken nicht einer Maschine zu überlassen. Das Internet bietet zwar viel Informationen, die Bewertung dieser Informationen sollte aber durch jeden Menschen persönlich erfolgen. Nicht jede gefundene Information ist richtig oder gar sinnvoll, es kommt darauf an, diese Informationen zu gewichten und zu interpretieren. Der Mensch sollte die Technik beherschen und nicht umgekehrt.

Autor: E. M. Forster
Titel: Die Maschine steht still
ISBN: 978-3-455-40571-2
erschienen 2016 bei Hoffmann und Campe
Preis: 15 Euro

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